Victor Adler

Der jüdisch-bürgerliche, freisinnige Intellektuelle Victor Adler, Gründer der österreichischen Sozialdemokratie, ist eine geradezu paradigmatische Figur sowohl des Wiener Fin de Siècle wie des internationalen Sozialismus. Da ist der begüterte Sohn einer kommerziell erfolgreichen Handelsfamilie; der junge anti-habsburgische, den republikanischen Idealen der 1848er-Revolution verpflichtete Deutschnationale, der zum Protestantismus konvertiert, um sich und seinen Kindern das „Entree-Billett“ zur deutschen Kultur zu eröffnen (wie er in Anlehnung an ein berühmtes Heine-Zitat formulierte); der jüdisch-assimilierte, fanatische Schopenhauer-Verehrer, der einen erlesenen Kreis junger Künstler und Intellektueller um sich schart; der Mediziner und Armenarzt, der in seiner Praxis, dem späteren Sitz von Sigmund Freuds Ordination und Privatwohnung, tagtäglich mit einem unsäglichen Proletarierelend konfrontiert wird; der Zeitungsherausgeber, der mit aufrüttelnden Sozialreportagen einen direkten Blick in einen für undenkbar gehaltenen sozialen Abgrund nur wenig abseits des Ringstraßenglanzes eröffnet; der Gründer und Organisator einer demokratischen Massenpartei neuen Stils, die er zu einer im innerösterreichischen Vergleich unerreichten Durchschlags- und Mobilisierungskraft führt; der Dandy, Gesellschaftslöwe, Stammgast literarischer Salons und gelegentlicher Gast des Casinos in Monaco; da ist schließlich der elder statesman, der in den Novembertagen des Jahres 1918 als Außenminister den „verbliebenen Rest“ der Habsburgermonarchie in eine demokratische Republik überführt. Als überzeugter Aufklärer und Rationalist hat er eine sich formierende egalitäre Utopie als eine Konzeption der Modernisierung und der Zivilisierung der Massen entworfen, und doch auch stets, als passionierter Wagnerianer, das Volk als Gesamtkunstwerk zu inszenieren versucht. Adler verkörperte und repräsentierte somit – auch und gerade als exponierter Sozialdemokrat – vieles von dem, was ein akkulturiertes und assimiliertes großbürgerliches Wiener Judentum in seiner sozialen Qualität und kulturellen Signifikanz ausmachte.

Victor Adler kam am 24. Juni 1852 als Sohn einer deutschjüdischen Prager Familie zur Welt und wurde gleichsam in ein deutschnationales Milieu hineingeboren, fühlten sich doch die Juden Prags als Vertreter und Retter des Deutschtums gegenüber dem erwachenden slawischen Nationalismus. Mitte der fünfziger Jahre übersiedelte die Familie nach Wien. Hier erwarb sich der Vater, Salomon Markus Adler, nach Jahren der bedrückenden Not, im Realitätenhandel, als Leiter wirtschaftlicher Unternehmungen und an der Börse ein beträchtliches Vermögen. Die Familie bezog eine Villa in dem Nobelvorort Oberdöbling, klassischer Sitz der gehobenen Bourgeoisie. Der Freundeskreis, der sich regelmäßig im Hause Adler um Victor versammelte, gab sich selbst die Bezeichnung Adlerhorst. Er setzte sich neben den Familienmitgliedern aus den engeren Schul- und Studienfreunden Victors zusammen. Zwei Ereignisse waren es vor allem, die den politischen Kern der deutschen Studentenschaft an der Wiener Universität nachhaltig beeinflussten. Zwar war die Revolution des Jahres 1848 vom Bürgertum auf halbem Weg verlassen worden, zwar hatte sich in der Folge ein neoabsolutistisches Regime etabliert, die Ideale der radikalen Demokratie, der Republik und der großdeutschen Einigung erwiesen sich aber noch immer als kräftig genug, um die studierende Intelligenz zu faszinieren und zu fesseln. Andererseits war mit der schweren Finanz- und Spekulationskrise des Jahres 1873 und der Stagnation der Folgejahre der Glaube an die Kraft des industriellen Bürgertums zerstört. Dies stellte insbesondere jüdische assimilationswillige Studenten wie den jungen Victor Adler vor durchaus schwierige Konflikte: Sie waren Söhne von Zuwanderern, die mühsam den Aufstieg in das großindustrielle Bürgertum geschafft hatten.

Ihre Rebellion veranlasste die Jungen, sich der Kunst als Lebensform zu verschreiben. Dem Adlerhorst gehörten unter anderem Salomon Neumann, Max von Frey, Julius Adler, Serafin Bondi, Adolf Zeemann, Max Gruber, Engelbert Pernerstorfer sowie Heinrich und Adolf Braun – die beiden Brüder von Adlers Frau Emma, die später in der deutschen Arbeiterbewegung eine bedeutende Rolle spielen sollten – an. Sie führten leidenschaftliche Diskussionen über Literatur und Kulturtheorie und fanden sich in einer nahezu fanatisch zu nennenden Wagner- und Nietzscheverehrung vereint

Ein umfassender Prozess der gesellschaftlichen und ökonomischen Transformation hin zur industriellen, kapitalistischen Moderne hatte die Wiener Juden böhmischer, mährischer und ungarischer Herkunft emanzipiert und sie an einem sozialen und kulturellen Aufstieg sondergleichen teilhaben lassen.

Der politische Aspekt der sozialen Frage aber blieb in diesen Kreisen stets Gesprächsthema und implizites Leitmotiv. Bereits im August 1870 bildete sich im Adlerhorst ein kleinerer Kreis, der Victor und Siegmund Adler, Pernerstorfer, Gruber und neuerdings auch Heinrich Friedjung umfasste. Es war ein exklusiver Zirkel zur Besprechung sozialistischer Schriften. Auch als Adler das Haus Berggasse 19 übernommen hatte, hörten die sonntäglichen Zusammenkünfte und Debatten über kulturelle und soziale Fragen nicht auf; der Kreis erweiterte sich um so prominente Teilnehmer wie Gustav Mahler, Hugo Wolf, Hermann Bahr und gelegentlich Michael Hainisch, nachmaliger republikanischer Bundespräsident. Adler und Mahler sollten durch lange Jahre in fester Freundschaft verbunden sein, Mahler war des Öfteren Sommergast in Parschallen am Attersee, einem bevorzugten Feriendomizil der Adlers wie auch großer Teile der Wiener jüdischen Bourgeoisie.

Der Adlerhorst war jedoch nicht das einzige Zentrum der rebellierenden deutschen Intelligenz Wiens und auch nicht der einzige Zirkel, in dem der junge Victor Adler regelmäßig verkehrte. Eines dieser Zentren war das Cafe Griensteidl am Michaelerplatz. Um Adler versammelten sich dort unter anderem die Gebrüder Braun, Otto Wittelshöfer (Direktor der niederösterreichischen Escomptegesellschaft), der Kathedersozialist Emanuel Sax, der Sozialutopist Theodor Hertzka, Hermann Bahr, hin und wieder auch Rosa Mayreder, Nathalie Bauer, Theodor Masaryk und Lily von Gizycki (spätere Braun), die schöne Urenkelin von Napoleons Bruder Jerome. Ähnliches lässt sich über den großen Freundeskreis sagen, der sich in dem halbdunklen Kellergewölbe des Ramharterschen Vegetarischen Restaurants traf. Man behandelte medizinische, neurologische, psychiatrische und naturwissenschaftliche Themen und debattierte über die Schriften von Lagarde, Ibsen, Shelley und Nietzsche. Der Entfesselte Prometheus von Siegfried Lipiner, dem jungen genialen Poeten dieses Kreises, hatte von Nietzsche persönlich eine enthusiastische Rezension erhalten.

Der auffallend begabte, jedoch durch einen Sprachfehler beeinträchtigte Victor Adler hatte das Schottengymnasium, das damals unter den Wiener assimilierten Juden einen ausgezeichneten Ruf genoss, besucht. Hier wurden der Schneidersohn Engelbert Pernerstorfer und Max Gruber, später berühmter Münchner Hygieniker, zu seinen besten Freunden. Über Pernerstorfer, der neben seiner Mitgliedschaft in der Progreß-Studentenverbindung Arminia auch Mitglied des 1869 gegründeten Ersten Wiener Arbeiterbildungs-Vereins war, ergaben sich zunächst noch lose Kontakte zur jungen Wiener Arbeiterbewegung. Ihre eigentliche Welt aber blieb der Deutschnationalismus: Adler und Pernerstorfer stiegen in der sich konstituierenden deutschnationalen Bewegung zu führenden Köpfen auf. Adler verfasste den sozialpolitischen Teil des Linzer Programms der Deutschnationalen von 1882, und Pernerstorfer legte 1883 ein bemerkenswertes, jedoch nie realisiertes Organisationskonzept vor, das die Grundlage für die Entwicklung einer deutschnationalen Massenpartei darstellen sollte. Seine Prinzipien wurden später in vielerlei Hinsicht von der nach Hainfeld geeinten österreichischen Sozialdemokratie übernommen.

Adler hatte mittlerweile sein Studium der Medizin abgeschlossen und war, wie der um vier Jahre jüngere Sigmund Freud, Assistent bei dem herausragenden Gehirnphysiologen Theodor Meynert geworden. Später studierte er, wie Freud auch, vorübergehend beim berühmten Pariser Psychologen und Hypnotiseur Charcot. Seine eigene Arztpraxis in dem von seinem Vater geerbten Haus Berggasse 19 (das 1892 an Freud verkauft werden musste) war von durchaus mäßigem kommerziellem Erfolg begleitet. Es hatte sich bald herumgesprochen, dass der Doktor in der Berggasse seine mittellosen Patienten nicht nur umsonst zu behandeln pflegte, sondern sie darüber hinaus auch noch mit den nötigen Medikamenten ausstattete. Es war vermutlich dieses hautnahe Erleben des unsäglichen Arbeiterelends, das mehr als alles andere für die erneute Hinwendung Adlers zum Sozialismus bestimmend wurde. Schon 1881 hatte der junge Nervenarzt an seinen Bruder Siegmund (Professor für Rechtsgeschichte an der Universität Wien) geschrieben, dass er nunmehr konsequent beginne, sich mit den hiesigen Arbeiterführern bekannt zu machen; er treffe auf „gute Menschen, aber schlechte Musikanten. Ein Mann von großer agitatorischer Begabung könnte hier Wunder tun …“ Wie es seinem pragmatischem Naturell entsprach, entschloss er sich, zunächst der Sache dadurch zu dienen, indem er sich um einen Posten als Fabrikinspektor bewarb – einer eben erst nach englischem Muster eingerichteten Institution des Arbeiterschutzes. Im Sommer 1883 unternahm er eine mehrmonatige Studienreise durch Deutschland, die Schweiz und England, um sich auf den von ihm angestrebte Berufslaufbahn vorzubereiten. In seinem Gepäck befanden sich Empfehlungsschreiben von Karl Kautsky und Leo Frankel – des in den 1880er Jahren in Wien lebenden legendären Mitglieds der Pariser Commune – an Friedrich Engels.

Die Bewerbung Adlers wurde von der Regierung im Übrigen abgewiesen; er sollte später bemerken, sein Eintritt in die Politik sei die Rache für diese Ablehnung gewesen. Als anfangs 1884, nach einer Serie von anarchistischen Attentaten, der Ausnahmezustand über Wien und Teile Niederösterreichs verhängt wurde, schloss sich Adler endgültig der Arbeiterbewegung an. Er tat dies zu einem Zeitpunkt, da die österreichische Sozialdemokratie aufgrund massiver behördlicher Verfolgungen und infolge eines verheerenden Fraktionskampfes zwischen Radikalen und Gemäßigten praktisch zu existieren aufgehört hatte. Als bekannter und prominenter Deutschnationaler begegnete er zunächst größtem Misstrauen, hatte aber den Vorteil, keiner der beiden Fraktionen anzugehören. Selbst die Radikalen konzedierten, dass er kaum ein Polizeispitzel sein könne, denn es ging das Gerücht, er sei unermesslich reich. Tatsächlich hatte Adler von seinem Vater ein beträchtliches Vermögen geerbt, das er sofort in die Gründung eines Wochenblattes, der Gleichheit, investierte. Er konnte seit deren erstem Erscheinen im Dezember 1886 eine Reihe von Vertretern des internationalen Sozialismus (Engels, Kautsky, Bebel, Frankel etc.) sowie so schillernde Figuren wie den Literaten Hermann Bahr zur Mitarbeit gewinnen und stellte das Blatt ganz in den Dienst der überfällig gewordenen Parteieinigung. Der Gleichheit, von den Behörden zunächst ignoriert und später Opfer einer Rekordzahl von Beschlagnahmen, kam im Prozess der Wiedervereinigung der gespaltenen österreichischen Arbeiterbewegung die unzweifelhaft bedeutendste Rolle zu.

Adler sollte in der Folge sein gesamtes Vermögen in diverse Parteiprojekte, namentlich in die Arbeiter-Zeitung, die 1890 der Gleichheit gefolgt war und seit 1895 als Tagblatt erschien, investieren. Er hat, wie erwähnt, seine finanzielle Dauermisere durch gelegentliches Glücksspiel zu beheben versucht – ein Charakterzug, wie er bei den anderen Führungspersönlichkeiten der Zweiten Internationale undenkbar gewesen wäre. Von diesen unterschied er sich auch in anderer Hinsicht; er genoss sein bürgerliches Leben, verfügte über Ironie und eine unnachahmliche Fähigkeit zum Kompromiss. Adler war zugleich ein Meister der Metapher, dessen Sarkasmus und Witz gelegentlich auch ins Abgründige umschlagen konnte. So etwa, als er am Pariser Gründungskongress der Zweiten Internationale die österreichischen Zustände als „Despotismus, gemildert durch Schlamperei“ beschrieb. Oder wenn er, wie Luise Kautsky berichtet, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin „hysterischen Materialismus“ bescheinigte. Er hegte zudem eine ausgeprägte Abneigung gegen Abstraktion und historische Konstruktion, gegen alles, wie er es bezeichnete, „Hypothetische“. Ihn interessierte die Theorie beinahe ausschließlich unter dem Aspekt, ob und wie sie für den alltäglichen Kampf und die schrittweise Herausbildung einer „Arbeiterklasse europäischen Zuschnitts“ brauchbar war. Eben dieser Kampf stellt das eigentliche Lebenswerk Victor Adlers dar. Es ist bezeichnend, dass er als einer der wenigen Großen des internationalen Sozialismus kein theoretisches Werk hinterlassen hat. Er sei ein „ganz brauchbarer Colporteur fremder Ideen, … dem das Organ beinahe fehlt für die Theorie“, schrieb er an Karl Kautsky; und an Bebel: „Die Gelehrten fürchten ihre künftigen Kritiker mehr, als die Folgen ihres Tuns. Während der Politiker – das weißt Du doch am besten – sich den Teufel um die Logik kümmert, wenn’s nur klappt und wirkt! Aber sag’ dem K.K. [Karl Kautsky] nichts von diesen Geschäftsgeheimnissen, der läßt mich sofort verbrennen!“ An Engels, mit dem ihn seit Ende der 1880er Jahre eine innige Freundschaft verband, bewunderte er vor allem dessen Fähigkeit der „Anwendung der Theorie in corpore vivo“.

Über die erste Begegnung mit Engels ist wenig bekannt, sieht man von der in späteren Jahren von Adler immer wieder zitierten Anekdote ab, wonach Engels seinen Plan, Gewerbeinspektor zu werden, geradezu enthusiastisch begrüßte; denn Agitatoren hätte die Bewegung genug, aber niemanden, der den Verwaltungsapparat von innen her kenne. Eine enge Freundschaft der beiden datiert erst ab ihrem zweiten Zusammentreffen, das sechs Jahre später nach dem Pariser Gründungskongress der Internationale (Juli 1889) in London stattfand. Von da an entwickelte sich über fünfeinhalb Jahre bis zu Engels’ Tod ein überaus intensiver, in Teilen sehr persönlich gehaltener Briefwechsel zwischen Victor und dem General. Nach dem Brüsseler Kongress der Internationale 1891 verbrachten Adler und August Bebel drei Tage bei Engels in London, das nächste Zusammentreffen fand im Sommer 1893 statt, als sich Engels für mehrere Tage in Wien aufhielt. Im Juli 1895 schließlich verbrachte Adler nahezu zwei Wochen am Sterbelager seines Freundes.

Der Briefwechsel fällt in die unmittelbare Konstituierungsphase der österreichischen Sozialdemokratie als demokratische Massenpartei – ein in der Parteienlandschaft qualitativ völlig neues Phänomen: Die moderne Partei formiert sich in einer Atmosphäre der Halblegalität, der Grad ihrer Anerkennung durch die Behörden ist vom jeweiligen Entwicklungsstand ihrer Organisationsstruktur und ihrer symbolischen Präsenz im öffentlichen Raum abhängig. Die Massenmanifestation anlässlich der ersten Maifeier 1890, der Fall von Ausnahmezustand und Sozialistengesetz, die Generalstreikdebatte und die Reform des Kurienwahlrechts sind Eckdaten dieses Prozesses. Man sei, konnte ein offensichtlich zufriedener Adler bereits am 22. Juni 1891 an Engels berichten, „von einer Sekte oder einer Horde Radaumacher zu einer politischen Partei avanciert, die Anerkennung sich erzwungen hat, und mit der man rechnet. In letzter Zeit sucht man uns von allen Seiten zu schmeicheln.“ Stil und Diktion dieses Zitats sind typisch für einen Briefwechsel, der die Formationsperiode der Politik der Massen – die für das gesamte 20. Jahrhundert von so zentraler und dramatischer Bedeutung werden sollte – wie wohl kein Zweiter hierzulande kommentiert, analysiert, mit der spezifischen Innensicht bedeutender historischer Akteure anreichert und nicht zuletzt auch immer wieder ironisiert. So etwa, wenn Adler von sich und Engels als „Hofräten der Revolution“ spricht, oder von der Rolle der Linksopposition in der 1893/94 mit aller Heftigkeit geführten Debatte um den politischen Massenstreik zur Erzwingung einer partiellen Reform des Kurienwahlrechts. Adler widersetzte sich in engem Einvernehmen mit Engels, Kautsky und Bebel und unter Einsatz seines gesamten persönlichen Prestiges dem Generalstreik, der vor allem von den Gewerkschaften und den alten Radikalen um Franz Schuhmeier und Wilhelm Ellenbogen vehement gefordert wurde. Eine Herausforderung der ungebrochenen Militärkraft der Monarchie hätte für die junge und ungefestigte Bewegung, die noch nicht einmal ein halbes Prozent der industriellen Arbeiterschaft organisiert hatte und über einige wenige hundert Gulden Parteivermögen verfügte, zweifellos eine katastrophale Niederlage bedeutet. Man müsste, so Adler, die Linksopposition, wenn man sie nicht bereits hätte, eigens erfinden: „Nur würde man sie um eine Nuance gescheiter und anständiger erfinden.“ Engels seinerseits gratulierte Adler zu der brillanten Art, wie er „den Generalstrike in Schlummer gewiegt“ und „auf die lange Bank des Parteitags“ geschoben habe.

Einig waren sich beide in ihrer tief empfundenen Abneigung gegenüber dem typischen, fortschritts- und modernefeindlichen österreichischen Wesen: „Was wir erzielt haben, erreichten wir nur dadurch, dass wir nicht Österreicher sind, oder vielmehr uns als Nichtösterreicher maskierten, dass wir nicht schlampert, nicht flackernd, nicht sprunghaft und schnell ermüdet waren.“ Engels ist übrigens der regelmäßigere und verlässlichere Briefschreiber, während Adler meist nur zur Urlaubszeit oder anlässlich seiner häufigen, wegen politischer Delikte verhängten Gefängnisaufenthalte (es finden sich Briefe aus den Wiener Bezirksgerichten Neubau und Rudolfsheim) Zeit findet, ausführlicher zu korrespondieren. Dann aber tut er dies mit einer eigentümlichen Intensität und sprachlichen Brillanz; die Briefe sind erfüllt von einem permanenten Ringen um Selbsterkenntnis und Selbstverständigung, von Selbstkritik und, dies nicht zuletzt, Selbstironie.

Adler, in dem Engels eine der größten Hoffnungen des internationalen Sozialismus erblickte, wurde mehr als einmal vorgeworfen, Meister eines jeglichen Opportunismus zu sein. Er liebte jedenfalls den politischen Tageskampf, war ein herausragender Agitator und meisterhafter Taktiker. Eine Fähigkeit, die er in den drei Jahrzehnten, in denen er an der Spitze der österreichischen Sozialdemokratie stand, des Öfteren unter Beweis zu stellen hatte. Seine volle taktische Meisterschaft spielte er etwa in der Endphase des Kampfes um das allgemeine Männerwahlrecht 1905 aus. In einem stillen historischen Kompromiss erreichte er ein vorübergehendes Bündnis zwischen Krone, Bürokratie und Sozialdemokratie gegen das Privilegienparlament und kämpfte die Wahlrechtsreform im parlamentarischen Ausschuss praktisch im Alleingang durch. Die österreichische Arbeiterpartei hatte ihren bislang größten Erfolg errungen und sich den Ruf einer „k.k. priv. Socialdemokratie“ eingehandelt. Gleichwohl blieb Adler stets, was er seit jeher gewesen war: der politische Arzt, der den individuellen zum sozialen Körper, den es zu heilen galt, erweiterte. Seine berühmten Sozialreportagen über das elende Los der Wienerberger Ziegelarbeiter oder der Wiener „Tramwaysklaven“, seine Studien und Schriften zum Alkoholismus sind Analyse und Anklage zugleich und haben sein politisches Denken entscheidend geformt. Sozialismus war ihm zu allererst das Mittel zur Überwindung von Krankheit und Not.

Im ersten Jahrzehnt seiner politischen Tätigkeit gab es praktisch keinen größeren Streik, der nicht unter seiner Leitung gestanden wäre. Er betrieb jede noch so kleine Reform des Arbeiterschutzes mit der gleichen Intensität wie große politische Kämpfe. Inmitten der Annexionskrise von 1908 und wüster Obstruktionen der Deutschnationalen und der Tschechen im Reichsrat arbeitete er mit größter Energie an dem Verbot des weißen Phosphors – dessen enorm gesundheitsschädigende Auswirkungen vielleicht einige hundert Arbeiterinnen in der Zündholzindustrie betrafen. Der Sozialismus war ihm Instrument zur Selbsterziehung und Selbstdisziplinierung der Massen. Daraus erklärt sich die große Autorität, die er weit über die Reihen der organisierten Parteimitglieder genoss, daraus erklärt sich die Verehrung der Arbeitermassen für „ihren Doktor“. Eine Verehrung, die ihn zu einer Art Ersatzkaiser hochstilisierte und die religiöse Dimensionen annehmen konnte. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die allseits vermerkte erstaunliche Fähigkeit Adlers, mit den Arbeitern mitzufühlen und mitzuleiden, mit seinen eigenen Tragödien in engstem Zusammenhang stand. Seine Frau Emma Adler musste sich einer mehrjährigen psychiatrischen Behandlung unterziehen, seine Tochter Marie erkrankte im Alter von 17 Jahren dauerhaft. Dazu kamen eine finanzielle Dauermisere und chronische Krankheiten, die ihm seit 1910 nahezu unmenschliche Anstrengungen abverlangten.

Victor Adler blieb bis zu seinem Lebensende ein Deutschnationaler in der Tradition der Revolution von 1848. Er lehnte den habsburgischen Vielvölkerstaat ebensosehr ab, wie er ihn als nun einmal gegebenen politischen Kampfboden akzeptierte. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalitätenkonflikt war nicht seine Sache. Dieser erschien ihm als ein unerträgliches Hemmnis der eigentlichen Aufgabe der Sozialdemokratie, des Kampfes um die soziale Emanzipation der Arbeiterschaft, und, in einem größeren Zusammenhang, des Projektes der Modernisierung des zurückgebliebenen österreichischen Kapitalismus. Als es im Zusammenhang mit der Frage der Schaffung autonomer nationaler Gewerkschaften 1910/11 zur Abspaltung der Tschechoslawischen Sozialdemokratie kam, konnte er dies nicht als Vorbote der nationalen Revolution der slawischen Völker anerkennen. Der „Fanatiker der Parteieinheit“ (Otto Bauer) hat die Spaltung der Kleinen österreichischen Internationale vielmehr als den Zusammenbruch seines Lebenswerkes empfunden. Er zog sich ab diesem Zeitpunkt merklich von der Parteileitung zurück. Ebensosehr wie in der Einschätzung des Nationalitätenkonflikts hat Adler in der Einschätzung des Ersten Weltkriegs geirrt. Er, der grundsätzlich die Positionen der deutschen Mehrheitssozialisten teilte und die Burgfriedenspolitik noch am Parteitag 1917 nachdrücklich gegen die Kriegslinke vertrat, ordnete diese seine Überzeugungen aber sehr wohl auch dem höheren Zweck der (deutsch-österreichischen) Parteieinheit unter. Victor Adler starb am 11. November 1918 als Staatssekretär für Äußeres (i. e. Außenminister) der provisorischen Staatsregierung, einen Tag vor Ausrufung der Republik.

Anlässlich des dritten Todestages seines Vaters verbreitete Fritz Adler im November 1921 in der internationalen sozialdemokratischen Presse einen Aufruf, in dem er um Einsendung aller seinen Vater betreffenden Materialien ersuchte. Die Reaktionen auf diesen Aufruf (u. a. stellte Karl Kautsky die entsprechenden Korrespondenzen aus seinem Privatarchiv zur Verfügung) übertrafen selbst hochgesteckte Erwartungen: Aus den in Österreich nur rudimentär vorhandenen Korrespondenzen, Manuskripten, persönlichen Papieren und sonstigen Nachlassmaterialien Victor Adlers, die noch dazu nur durch Zufall vor der Vernichtung bewahrt worden waren, entwickelte sich ein Konvolut von außergewöhnlicher Qualität und Dichte. Der Bestand, als dessen zentrales Kernstück der nunmehr weitgehend rekonstruierte Briefwechsel mit Friedrich Engels gelten muss, stellt somit eine außergewöhnlich wertvolle historische Quelle dar, die ihre ganz spezifische Überlieferungsgeschichte hat, und deren Rettung über die Katastrophen und Wirrnisse des 20. Jahrhunderts hinweg als wohl einmaliger historischer Glücksfall betracht werden muss.

1933 außer Landes geschafft, gemeinsam mit dem geistigen Erbe der europäischen Arbeiterbewegung im neu gegründeten Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam aufbewahrt, wurde das Adler-Archiv mit dem Überfall Hitlers auf die Niederlande in mehrere Verstecke im westfranzösischen Amboise verbracht. Es konnte hier – wie Fritz Adler 1946 in Briefen an den österreichischen Parteivorstand und an Otto Leichter in New York enthusiastisch berichtet – die Zeit des Faschismus und der Kriegshandlungen weitgehend unbeschadet überstehen. Der aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrte und in Zürich sesshaft gewordene Fritz Adler begann in der Folge mit umfangreichen Arbeiten zur Erstellung einer Biographie seines Vaters, als deren Ergebnis unter anderem auch die Publikation einer erweiterten Neuauflage der Engels-Korrespondenz hervorgehen sollte. Er hat dieses Vorhaben nicht mehr vollenden können, die Vorarbeiten aber seinem persönlichen Nachlass hinzugefügt. Unmittelbar nach seinem Ableben am 2. Jänner 1960 wurde mit der Witwe Kathia Adler die Übernahme des Archivs vereinbart, das, angereichert um den persönlichen Nachlass Fritz Adlers, bereits wenige Monate später per Diplomatenpost nach Wien überstellt und dem am 12. Februar 1959 gegründeten Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung zur dauerhaften Aufbewahrung übergeben wurde.

Hofrat Dozent Dr. Wolfgang Maderthaner,
Gen.Dir. ad des Österreichischen Staatsarchivs